Wiedervernetzung


Wiedervernetzung

  • Straße mit Schild "Achtung Wildwechsel" (Bild: Fotolia.com/ bluedesign)

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  • Verkehrsschild "Wildtierkorridor" (Bild: Straßenmeisterei Titisee-Neustadt)

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Unser dichtes Straßennetz hilft uns, zügig von A nach B zu kommen. Für viele Tiere stellen Straßen, Schienen und Siedlungsbereiche aber schwer überwindbare Hindernisse dar. Um sich Nahrung zu beschaffen und sich fortzupflanzen, müssen Tiere ihre Standorte und Reviere wechseln können. Wenn Tierpopulationen sich nicht mit ihren nahen und fernen Artgenossen austauschen können, drohen außerdem langfristig genetische Probleme bis hin zum Aussterben der Art. Auch der Klimawandel zwingt zur Aufgabe angestammter Standorte. Ganz zu schweigen von den direkten Verlusten im Straßenverkehr durch Wildunfälle, die auch ein großes Problem für die Verkehrssicherheit sind. 

Deshalb wurden Wiedervernetzungskonzepte entwickelt, die das Ziel haben, Standorte und Reviere der betroffenen Tier-und Pflanzenarten wieder miteinander zu verbinden. Die Wiedervernetzungskonzepte sind damit auch ein Instrument zur Wiederherstellung und zur dauerhaften Sicherung der biologischen Vielfalt.

Rechtsgrundlagen

  • Das rechtliche Erfordernis von Wiedervernetzungsmaßnahmen ergibt sich sowohl aus den Vorgaben des europäischen, als auch des nationalen Natur- und Artenschutzrechts.

    Auf europäischer Ebene hat die Naturschutz-Richtlinie „92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“, kurz-Flora-Fauna Habitat - oder FFH-Richtlinie) zum Ziel, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen.

    Im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) ist die Forderung nach einem Biotopverbund zur dauerhaften Sicherung der biologischen Vielfalt wild lebender Tiere und Pflanzen einschließlich ihrer Lebensstätten und der Austausch zwischen den Populationen enthalten.

    Für die Umsetzung des Biotopverbunds auf Landesebene als ein Netzwerk aus Wanderkorridoren und Lebensräumen für größere Säugetiere wie die Wildkatze, den Luchs, Reh und Rotwild, aber auch für kleinere Tiere wie Fledermäuse, die Haselmaus, Amphibien und Reptilien ist die Naturschutzverwaltung Baden-Württemberg zuständig. In Baden-Württemberg stellt der Fachplan Landesweiter Biotopverbund einschließlich des Generalwildwegeplans die Grundlage für die Entwicklung des Biotopverbunds dar. Beide Fachpläne wurden 2015 in das novellierte Landesnaturschutzgesetz sowie in das novellierte Gesetz zum Jagd-und Wildtiermanagement aufgenommen und haben damit eine konkrete gesetzliche Grundlage erhalten.

    Die Landesstraßenbauverwaltung trägt aktiv durch die Anlage von Querungshilfen zur Vernetzung von Wald- und Offenlandlebensräumen an Straßen und somit zur Sicherung überregionaler Wildtierkorridore bei. In Baden-Württemberg sind bereits rund 25 Grün- und Landschaftsbrücken an Bundesfern- und Landesstraßen vorhanden. Weitere Tierquerungshilfen, darunter auch Kleintierdurchlässe insbesondere in Form von Amphibienschutzanlagen, sind in Planung oder im Bau. Darüber hinaus tragen eine Vielzahl von Tunnels und Talbrücken zur Vermeidung von Zerschneidungswirkungen bei, da die wandernden Tiere diese Bauwerke gefahrlos über- bzw. unterqueren können.

Landeskonzept Wiedervernetzung an Straßen 

Der Koalitionsvertrag sieht vor, den Biotopverbund sukzessive als „grüne Infrastruktur“ herzustellen. Das Verkehrsministerium (VM) fördert mit verschiedenen Projekten die Entwicklung dieser grünen Infrastruktur.

Das Land Baden-Württemberg will eine Vorreiterrolle zur Weiterentwicklung dieser „Grünen Infrastruktur“ einnehmen, um die biologische Vielfalt zu sichern. So hat u.a. die Naturschutzstrategie Baden-Württemberg zum Ziel, die Wiedervernetzung von Lebensräumen an bestehenden Straßen voranzubringen. 

Den größten Projektbaustein stellt das vom VM erarbeitete „Landeskonzept Wiedervernetzung an Straßen“ dar. Das Konzept setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: 

Identifizierung, Auswahl und Priorisierung von Konfliktstellen auf Basis des Fachplans „Landesweiter Biotopverbund Baden-Württemberg“ und des Generalwildwegeplans 

Identifizierung, Aktualisierung und Priorisierung der Amphibienwanderstrecken an Straßen in Baden-Württemberg 

Bundesprogramm Wiedervernetzung 

Die Identifizierung und Priorisierung von Wiedervernetzungsabschnitten im Straßennetz sind wesentliche Bestandteile des Landeskonzeptes. Damit erhält die Straßenbauverwaltung wichtige Hinweise für Ihre Planung, um die Vernetzung von Lebensräumen bei Straßenneu- und -ausbauvorhaben sowie bei Erhaltungsmaßnahmen aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. Aufbauend auf dem Landeskonzept sollen in Abhängigkeit von den Erhebungen Vorort und von der örtlichen Situation entsprechende Vermeidungs- und Minimierungsmaßnahmen erfolgen. Die Entscheidung über die Erforderlichkeit, Lage und Gestaltung der Querungshilfen kann dabei nur im Einzelfall auf Grundlage der örtlichen Verhältnisse getroffen werden. Das Landeskonzept soll darüber hinaus als Grundlage für die Planung und Umsetzung von Wiedervernetzungsmaßnahmen an bestehenden Straßen dienen. Schließlich können Kompensationsmaßnahmen in den Verbundkorridoren und im Bereich von Amphibienwanderstrecken ein wichtiger Beitrag zur Wiedervernetzung und zum Artenschutz sein.

Grünbrücken 

Eine Grünbrücke dient vornehmlich wild lebenden Tieren als Hilfsmittel, stark frequentierte Verkehrswege wie Autobahnen, Bundesstraßen, aber auch Bahnstrecken gefahrlos zu queren. Grünbrücken verbinden Lebensräume wild lebender Tiere, die durch Verkehrswege zerschnitten sind, und tragen dazu bei, die Folgen der zunehmenden Landschaftszerschneidung abzumildern. Grünbrücken haben im Regelfall eine Breite von 50 m und führen die beiderseits des Verkehrswegs vorhandenen Lebensraumstrukturen auf dem Bauwerk fort. Es kann sich hierbei z. B. um Gehölzstrukturen wie Gebüsche oder Waldlebensräume, Kraut- und Grasfluren oder auch offene Bodenbereiche handeln. 

Die Entwicklung von Lebensraumstrukturen auf den Grünbrücken sorgt dafür, dass diese nicht nur von bestimmten Tierarten, sondern von zahlreichen im Umfeld vorkommenden Tieren wie Groß- und Kleinsäugern, Vögeln, Fledermäusen, Amphibien, Reptilien und auch Insekten genutzt werden. Damit Grünbrücken von Tieren gequert werden, sind besondere Anforderungen an diese Bauwerke zu stellen. Dies reicht von der richtigen Wahl des Standortes über die Gestaltung des Bauwerks und des direkten Umfeldes bis hin zur Vermeidung von Störungsquellen (z.B. durch die Errichtung von Irritationsschutzwänden beiderseits der Grünbrücke). 

Die Anforderungen an Grünbrücken und weitere Querungshilfen sind im „Merkblatt zur Anlage von Querungshilfen für Tiere und zur Vernetzung von Lebensräumen an Straßen (M AQ)" (FGSV, 2008) aufgeführt. Das Merkblatt kann über den Verlag der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) bestellt werden.

Kleintierdurchlässe 

Der Jahreslebensraum von Amphibien muss nicht nur geeignete Laichgewässer, sondern auch günstige Sommerlebensräume und Winterquartiere umfassen. Zwischen diesen Teillebensräumen finden fast ganzjährig Wanderungen statt. Neue Verkehrswege zerschneiden nicht selten diese traditionellen Wanderwege. Um die Wanderkorridore zu erhalten, plant und baut die Straßenbauverwaltung Amphibienschutzanlagen. 

Amphibienschutzanlagen bestehen aus Amphibiendurchlässen, auch als Kleintierdurchlässe bezeichnet, die den Amphibien eine gefahrlose Unterquerung der Straße ermöglichen, aus Leiteinrichtungen, die parallel zur Straße verlaufen und die Tiere zu den Amphibiendurchlässen führen sowie aus Betonrinnen mit Gitterrostabdeckung, auch als Stopprinnen bezeichnet, die im Bereich von Feld- und Waldwegen eingebaut werden. Die Tiere fallen in die Stopprinne und werden so daran gehindert, auf die Straße zu wandern. 

Amphibiendurchlässe werden jedoch nicht nur von Amphibien durchwandert, sondern auch von manchen Arten der Kleinsäuger, Reptilien und Wirbellosen. Daher tragen diese häufig auch die Bezeichnung „Kleintierdurchlass". 

Die Anforderungen an Amphibienschutzanlagen sind im „Merkblatt zum Amphibienschutz an Straßen (MAmS)" (BMVBW, 2000) und im baden-württembergischen Leitfaden „Amphibien schützen" (IM, 2009) aufgeführt. Das Merkblatt kann über den Verlag der FGSV bestellt, der Leitfaden unter Publikationen heruntergeladen werden.

Fotofallen an Bestandsbauwerken 

Im Rahmen des Projekts „Fotofallen-Controlling an Bestandsbauwerken“ werden bestehende Bauwerke im Umfeld der A 81 mittels Fotofallen überwacht. Dadurch soll ermittelt werden, ob und welche Wildtiere die bestehenden Bauwerke nutzen, um die A 81 gefahrlos zu unter- bzw. überqueren. Ziel des Projektes ist es herauszufinden, ob und in wieweit Bestandsbauwerke optimiert werden können, damit diese den Tieren die Querung der A 81 ermöglichen bzw. erleichtern. Im Anschluss werden die Bauwerke dann – soweit möglich – entsprechend angepasst.


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