Zwischen 1960 und den 1990er-Jahren wurden viele Bahnstrecken in Baden-Württemberg stillgelegt. Es verschwanden in diesem Zeitraum mehr als 1.500 Kilometer Schienenstrecken. Mancherorts baute man die Gleise vollständig ab. An vielen anderen Orten liegen sie bis heute und verwildern.
Für die Einstellung des Betriebs und Stilllegungen war damals meist die Deutsche Bundesbahn verantwortlich. Nur wenige Fahrgäste nutzten den Zug. Viele Strecken galten als veraltet und verzichtbar. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Denn die Nachfrage nach attraktiven Zugverbindungen ist heute groß.
Das Verkehrsministerium setzt sich deshalb dafür ein, stillgelegte Bahnstrecken wieder zu reaktivieren. Städte, Landkreise und regionale Mitwirkende erhalten Unterstützung durch das Land.
Welche Strecken werden reaktiviert?
In Baden-Württemberg wurden 38 Strecken beziehungsweise Streckenabschnitte für eine Reaktivierung untersucht. Zusammen umfassen sie rund 510 Kilometer Schienenstrecke.
Für rund ein Drittel dieser Strecken laufen bereits konkrete Planungen zur Reaktivierung. Zwei Projekte befinden sich im Bau.
Als erste Strecke wurde 2026 die Hermann-Hesse-Bahn zwischen Weil der Stadt und Calw vollständig reaktiviert.
Aktueller Stand der Projekte (Stand: Januar 2026)
- Reaktivierte Strecke in Betrieb: Eine Strecke (19 Kilometer)
- Reaktivierung im Bau: Zwei Strecken (24 Kilometer)
- In Planung: Elf Strecken (145 Kilometer)
- Abgeschlossene Machbarkeitsstudie: Sieben Strecken (119 Kilometer)
- Laufende Machbarkeitsstudie: Neun Strecken (75 Kilometer)
- Vorhaben aktuell zurückgestellt: Acht Strecken (128 Kilometer)
Projekte im Überblick
Das Reaktivierungsprojekt ist abgeschlossen und die Strecke im Fahrgastbetrieb.
- Calw – Weil der Stadt (Hermann-Hesse-Bahn)
Das Reaktivierungsprojekt befindet sich in der baulichen Umsetzung.
- Lauchringen – Stühlingen – Weizen (Wutachtalbahn)
- Bernhausen – Neuhausen (Filderbahn)
Für das Reaktivierungsprojekt liegt mindestens der Beschluss zum Planungsbeginn vor oder es wurde bereits mit der Planung ab der Leistungsphase 1 nach Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) begonnen.
- Mengen – Krauchenwies – Stockach (Ablachtalbahn)
- Maulbronn West – Maulbronn Stadt
- Waldenburg – Künzelsau (Kochertalbahn)
- Reutlingen – Nehren (Gomaringer Spange)
- Ludwigsburg – Markgröningen (Markgröninger Bahn)
- Albstadt Ebingen – Onstmettingen (Talgangbahn)
- Lauffen – Zaberfeld (Zabergäubahn)
- Breisach – Colmar (F)
- Reutlingen – Engstingen (Echatztalbahn)
- Neckarbischofsheim Nord – Obergimpern – Bad Rappenau (Krebsbachtalbahn)
- Haltingen – Kandern (Kandertalbahn)
Für das Reaktivierungsprojekt liegt eine abgeschlossene Machbarkeitsuntersuchung (teilweise mit Wirtschaftlichkeitsuntersuchung) vor, eine Grundsatzentscheidung vor Ort wurde jedoch noch nicht getroffen.
- Stuttgart-Untertürkheim – Kornwestheim (Schusterbahn)
- Kirchheim (Teck) – Weilheim (Teck) (Kleine Teckbahn)
- Singen – Ramsen (CH) (Etzwiler Bahn)
- Münsingen – Gammertingen (Schwäbische Alb-Bahn)
- Eyach – Hechingen Landesbahn (Eyachtalbahn / Zollernalbbahn 4)
- Leutkirch – Isny
- Rastatt – Roeschwoog (F) – Haguenau
Für das Reaktivierungsprojekt wird derzeit eine Machbarkeitsuntersuchung (zum Teil mit Wirtschaftlichkeitsuntersuchung) durchgeführt.
- Leimen – Wiesloch – Walldorf
- Mannheim-Rheinau – Ketsch – Schwetzingen
- Mannheim-Seckenheim – Edingen (via Neckarhausen)
- Karlsruhe-Neureut – Karlsruhe-Mühlburg (Hardtbahn)
- Ettlingen West – Ettlingen Stadt (Albtalbahn)
- Heilbronn – Marbach (Schozach-Bottwartalbahn)
- Bad Schussenried – Bad Schussenried Stadt
- Graben-Neudorf – Hochstetten (Hardtbahn)
- Sontheim (Brenz) – Gundelfingen
Für diese Strecken konnte entweder im Rahmen der Machbarkeitsuntersuchung kein Wirtschaftlichkeitsnachweis für eine Reaktivierung im Stundentakt erbracht werden oder die Reaktivierung wird derzeit vor Ort politisch nicht weiterverfolgt.
- Göppingen – Bad Boll (Voralbbahn)
- Göppingen – Schwäbisch Gmünd (Hohenstaufenbahn)
- Schopfheim – Bad Säckingen (Wehrtalbahn)
- Balingen – Schömberg – Rottweil (Zollernalbbahn 3 / Primtalbahn)
- Heimerdingen – Weissach (Strohgäubahn)
- Obergimpern – Hüffenhardt (Krebsbachtalbahn)
- Schelklingen – Münsingen (Schwäbische Alb-Bahn)
- Sigmaringen – Krauchenwies (Ablachtalbahn)
Welche Vorteile hat die Reaktivierung?
Viele der Strecken liegen in ländlichen Regionen. Eine Reaktivierung verbessert dort die Mobilität deutlich.
Die wichtigsten Vorteile:
- Neue Bahnverbindungen: Menschen vor Ort erhalten schnelle und zuverlässige Verbindungen in die Region.
- Mehr Wahlfreiheit im Alltag: Anwohner:innen können häufiger auf das Auto verzichten.
- Kostenvorteile: Reaktivierungen sind meist günstiger und schneller umzusetzen als komplett neue Bahnstrecken.
- Klimaschutz: Wenn mehr Menschen mit der Bahn fahren, sinken die CO₂-Emissionen.
Sind bereits Strecken reaktiviert?
Nach erfolgreichen Reaktivierungen in den 90er-Jahren ging als neueste, reaktivierte Strecke 2026 die Hermann-Hesse-Bahn in Betrieb. Sie verbindet Weil der Stadt mit Calw und führt über rund 19 Kilometer in den Nordschwarzwald.
Der Betrieb auf der Strecke wurde 1988 nach über 100 Jahren eingestellt. Erst Jahrzehnte später konnte dieser Fehler korrigiert werden.
Besonders anspruchsvoll waren die Planung und Genehmigung zum Natur- und Artenschutz. In den alten Tunneln der Strecke hatten geschützte Fledermausarten einen Lebensraum gefunden. Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Naturschützende entwickelten gemeinsam Lösungen, um Bahnverkehr und Artenschutz zu vereinbaren. Mittels einer Tunnel-in-Tunnel-Lösung sind nun Fledermäuse und Züge räumlich getrennt.
Für die Reaktivierung wurde die Strecke umfassend saniert, mehrere Bahnhalte neu gebaut und die Gleise erneuert. Heute verkehren auf der Strecke moderne Batteriezüge. Sie fahren ohne Dieselmotor und sind besonders umweltfreundlich.
Wie läuft eine Reaktivierung ab?
Die Reaktivierung einer Bahnstrecke ist ein gemeinsames Projekt vieler Beteiligter. Politik, Kommunen, Behörden, Planungsbüros und Naturschutz arbeiten eng zusammen.
Vor Ort treiben vor allem Städte, Gemeinden und Landkreise die Projekte voran. Das Verkehrsministerium und die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW) unterstützen sie dabei mit Fachwissen und finanziellen Förderprogrammen.
Der erste Schritt ist in der Regel eine Machbarkeitsstudie. Diese prüft für jede Strecke:
- Ist die Reaktivierung technisch machbar?
- Wie hoch sind die Kosten?
- Wie groß ist der Nutzen für Fahrgäste?
- Ist der Betrieb wirtschaftlich sinnvoll?
Wenn das Ergebnis positiv ausfällt, beginnt die konkrete Planung und eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Mit Vorliegen aller Genehmigungen kann anschließend der Bau beginnen.
Wie unterstützt das Land Reaktivierungen?
Um die Reaktivierung von Eisenbahnstrecken durch Vorhabenträger wie Landkreise und Städte vor Ort zu unterstützen, hat das Verkehrsministerium ein Konzept zur Reaktivierung von stillgelegten Strecken entwickelt.
Das Konzept besteht aus fünf Bausteinen:
- Landesweite Potenzialanalyse: 42 Strecken in Baden-Württemberg wurden im Auftrag des Landes auf ihr Potenzial untersucht. 32 Strecken schnitten dabei gut ab bezüglich der Anzahl an potenziellen Fahrgästen.
- Förderung von Machbarkeitsstudien: In einem zweiten Schritt wurden 17 landesgeförderte Machbarkeitsstudien für 21 Strecken und Streckenabschnitte über eine Länge von rund 337 Kilometer in Auftrag gegeben und mit 1,55 Millionen Euro gefördert. Bei 15 dieser Strecken übersteigt nach Abschluss der Untersuchung der wirtschaftliche Nutzen die Kosten einer Reaktivierung. Zusätzlich wurden 11 weitere Machbarkeitsstudien ohne Landesförderung begonnen.
- Attraktive Investitionsförderungen: Für die Bau- und Planungskosten gibt es Fördergelder. Über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz des Bundes werden 90 Prozent der förderfähigen Baukosten und eine Planungskostenpauschale in Höhe von 10 Prozent der Baukosten gefördert. Das Land fördert die nicht vom Bund getragenen Kosten und hat diesen Anteil zuletzt auf 50 Prozent verbessert.
- Übernahme der Betriebskosten: Die Betriebskosten auf Reaktivierungsstrecken werden durch das Land auf Anfrage und nach Verfügbarkeit der Haushaltsmittel übernommen. Dabei besteht zwar keine grundsätzliche zeitliche oder an Kilometern orientierte Begrenzung der Übernahme, jedoch behält sich das Land je nach Mittelverfügbarkeit vor, Strecken für die Übernahme auszuwählen.
- Fachliche Projektbegleitung: Das Verkehrsministerium und die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg unterstützen Kommunen in allen Phasen der Reaktivierung mit fachlicher Expertise.












